Portugal,  Unterwegs

100 Nächte on the Road

Vor einem Jahr war uns alles zu viel, zu laut und zu groß – wir wollten uns verkleinern und in ein rollendes Zuhause ziehen. Und dann ging eigentlich alles sehr schnell. Wir haben uns hunderte Mobile gesehen, von Oldtimer bis Neuwagen war alles dabei. Welcher Grundriss ist der Richtige, schließlich leben und arbeiten wir in dem Mobil und das bei jedem Wetter, brauchen wir einen doppelten Boden, wie viel PS sollten es minimum sein – und das vielleicht Wichtigste: was soll der Spaß kosten. Im April haben wir die #karlakiste gesehen, uns verliebt und sie gekauft.

Die #karlakiste ist ein Fiat Ducato 230 2.5 TDI mit 116 PS und einem Dethleffs Globetrotter Aufbau. Sie ist Baujahr 1998, hatte vor uns zwei Besitzer und bei Übergabe 176.600 Kilometer auf dem Tacho. Mit Fahrradträger ist sie etwa 6,50 Meter lang, dazu 2,23 Meter breit und 3,10 Meter hoch.

Einen Tag nach dem Kauf haben wir unsere Wohnung gekündigt. Die Entscheidung war eigentlich eine sehr leichte, dennoch hatte sie einen faden Beigeschmack. Corona war im vollen Gange und niemand wusste was noch kommt. Szenarien wie „Was ist, wenn wir keine Wohnung mehr haben, ein Lockdown kommt, alle Plätze geschlossen sind und wir das Wohnmobil nicht mehr bewegen dürfen?“. Wenn ich keine Antwort hatte, hatte Tina sie – und umgekehrt. Auf jede Frage, auf jedes Szenario. Und wir wussten, dass wir eine Hand voll Menschen an unserer Seite hatte, auf die wir zählen können.

Von 77 auf 10 qm und vier Rädern

Auf einmal waren es dann nur noch 12 Wochen. 77 qm Wohnung mussten leer, ebay Kleinanzeigen war die meist geöffnete App auf meinem iPhone, unser Auto musste verkauft und diverse Bürokratie erledigt werden. Tina hatte ihre Abschlussprüfungen noch vor sich. Und unser neues Zuhause, die #karlakiste, benötigte auch viel Aufmerksamkeit für kleine Reparaturen und die Renovierung, und ja irgendwie muss zwischendurch ja auch noch gearbeitet werden.

Vor 100 Tagen war es dann soweit. Wir standen in einer leeren Wohnung, haben die Schlüssel übergeben und wenige Minuten später saßen wir in unserer #karlakiste. Alles was wir noch hatten war nun auf diesem kleinen Raum. Ein paar wenige Dinge wurden eingelagert, alles andere hatten wir verkauft oder verschenkt. Dieses Gefühl der Befreiung ist unbeschreiblich.

Seitdem ist die #karlakiste unser zu Hause. Etwa 9.000 Kilometer sind wir in den letzten 100 Tagen gefahren. Der nördlichste Punkt war Skagen, die Spitze von Dänemark, wo sich Ost und Nordsee treffen. Am südlichsten Punkt befinden wir uns jetzt – in Portugal an der Algarve. Wir fahren, leben und arbeiten auf knapp 10 qm und können uns gerade nichts Besseres vorstellen. Wir haben alles, was wir brauchen – und wenn ich so durch die Schränke schaue, dann brauchen wir von dem bisschen was wir haben, nicht mal wirklich alles.

Wir hatten bisher Temperaturen zwischen 2 und 36 Grad, kleine Wassereinbrüche, einen ADAC-Einsatz, defekte Bremsen und auch mal kein Wasser mehr. An manchen Tagen ist es anstrengend, z. B. wenn wir keinen schönen oder geeigneten Platz finden und dann bei strömenden Regen in der Dunkelheit den Berg raufkrakseln um dann Nachts festzustellen, dass wir unter Eichen stehen und die Eicheln sich wie Einschüsse auf unserem Dach anhören.

Nur Mut (Zitat des Portugiesen, der uns den Weg wies der sehr sehr steil bergauf ging)

Ebenso anstrengend kann es sein, wenn die Straßen so eng sind, dass rechts und links nur noch wenige cm Platz zu den Häusern ist. Das ist ein Nervenkitzel, genauso wie die extremen Steigungen die uns so oft schwitzige Hände bereiten. In dem Fall zählt dann „wer bremst verliert“, oder rollt eben rückwärts runter, was tunlichst vermieden werden sollte.

Super spannend sind auch Alternativrouten, durch die wir an Orten waren, die das Adrenalin hoch puschen lassen. Verlass dich nie auf das Navi, erst recht nicht in Portugal. Die letzten 9.000 Kilometer haben wir die #karlakiste definitiv schon ganz gut kennengelernt.

Das Schönste ist, dass wir immer alles bei uns haben und fast überall hin können, wo wir möchten. Egal wo wir sind, wie die Umgebung ist, hier in der #karlakiste sind wir zu Hause. Wir suchen uns aus, wo wir sein möchten, was wir sehen möchten. Berg, See oder Wiese? Sonne oder Regen? Absolute Einsamkeit oder irgendwo am Ortsrand?

Dank 110 Liter Frischwassertank, 100 Liter Abwassertank, 2 x 11 KG Flüssiggas, der Anschaffung einer Trockentrenntoilette und eines portablen 100 Watt Solarpanels mit Powerstation, sind wir vollkommen autark. Lediglich wenn wir mehrere Tage am Stück durcharbeiten und die Sonne sich nicht blicken lässt, benötigen wir zusätzlich Strom. Das kam bisher nur ein Mal vor.

Ja, aber was ist mit der Pandemie?

Die Entscheidung, trotz Corona an unseren Plänen festzuhalten, war für uns richtig und wir bereuen nicht einen Tag. Im Gegenteil. Wir sind froh, nicht jeden Tag unter Menschen sein zu müssen. Seit wir im Wohnmobil leben, haben wir keine Zufallskontakte wie im Treppenhaus oder bei der Annahme von Post/Paketen. Wir kaufen nicht alle paar Tage ein, stattdessen planen wir viel besser, was wir benötigen und versorgen uns dann direkt für zwei Wochen. Diese ganzen „mal eben“-Wege fallen weg. Außerdem stehen wir fernab von anderen, nicht wegen Corona, sondern weil es einfach schöner ist. Weil wir die Ruhe für uns genießen möchten. Und selbst wenn wir auf offiziellen Plätzen stehen, haben wir keine direkten Nachbarn – weil wir uns die Plätze danach aussuchen.

Wir sind jetzt in Portugal und wollten ursprünglich erst Mitte Oktober von Deutschland starten um dann ganz in Ruhe über Frankreich und Spanien in den Süden zu fahren. Durch die steigenden Zahlen und zu erwartenden Reisebeschränkungen, sind wir dann Anfang Oktober jedoch mit nur drei Zwischenstopps nach Portugal gefahren.

Zwei Wochen waren wir im Norden, in den Bergen und dem ältesten Weingebiet der Welt, dem Douro, unterwegs. Es war traumhaft schön. Der Norden war allerdings auch Risikogebiet. Als in den ersten Regionen Bewegungseinschränkungen ausgesprochen wurden, haben wir uns auf den Weg in den Süden gemacht. Portugal hat bereits früh den nationalen Notstand ausgerufen, wodurch künftig schneller Beschränkungen umgesetzt werden. Über die Feiertage an diesem Wochenende Ende Oktober, gibt es zum Beispiel landesweit das Verbot seine Region zu verlassen. Sicherheitsmaßnahmen um Familientreffen zu vermeiden.

Wir setzen uns hier keinem Risiko aus. Stattdessen haben wir hier die Möglichkeit dem Risiko aus dem Weg zu fahren. Portugal ist an der Küste eng besiedelt, im Landesinneren hingegen gibt es oft kilometerweit nur Natur, bis dann irgendwann mal ein kleines Dorf kommt. Ich folge über Instagram und Co. vielen, die ebenfalls in dieser Zeit unterwegs sind – in welchem Land auch immer – und ich verstehe nicht, warum immer noch so viele in den Städten unterwegs sind und sich vermeidlich in Sicherheit wiegen, nur weil sie einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Natürlich würden wir auch liebend gerne durch Porto schlawinern, Regionales in kleinen Geschäften kaufen und uns durch die veganen Restaurants schlemmen. Das ist aber in Zeiten wie diesen einfach fehl am Platz. Und das betrifft es nicht nur hier, sondern überall.

Wir sind jetzt im Süden in der Region Algarve. 20 Kilometer vom Meer entfernt im Landesinneren haben wir einen sehr schönen Platz gefunden. Momentan stehen hier acht Mobile, regulär ist hier Platz für 85 Fahrzeuge. Wir haben uns direkt für ein paar Wochen eingebucht. Hier sind wir der Natur ganz nah und stehen safe bei sonnigen 24 Grad.

100 Tage leben wir jetzt schon unterwegs, freuen uns auf ganz viele weitere Erlebnisse, wo auch immer es uns hinführt. Bis zum Frühjahr möchten wir jedenfalls hier bleiben.

Heute sind wir erstmal gespannt auf die Nachrichten, denn auch hier werden heute neue Maßnahmen beschlossen. Spanien ist bereits abgeriegelt, Frankreich hat Bewegungsverbote. Für den Fall eines Lockdowns haben wir hier jedenfalls alles was wir brauchen.